Wie fast immer gestaltet sich eine Urlaubsreise mit Tandem, Anhänger und Bahn etwas komplizierter. Unser Plan war eigentlich, mit dem IC von Stuttgart nach Freiburg zu fahren und dort nach einer halben Stunde Aufenthalt in die CityNightLine Zürich-Stuttgart einzusteigen. Dadurch fahren wir zwar die Strecke Freiburg-Karlsruhe doppelt, aber wir ersparen es uns, 1 1/2 Stunden zu nachtschlafender Zeit auf dem Karlsruher Bahnhof zu sitzen Außerdem hat man am Bahnschalter aus irgendeinem Schriftstück die Behauptung entnommen, nach Freiburg würden keine Fahrräder mehr verladen.
Bis Offenburg verläuft das Ganze auch planmäßig. Auch als sich die Weiterfahrt in Offenburg um 5 Minuten verzögert, machen wir uns noch keine Sorgen, wir haben ja Zeit. Als der Zug kurz nach Offenburg aber schon wieder stehen bleibt und sich die Weiterfahrt laut Durchsage auf unbestimmte Zeit verzögert, werden wir langsam unruhig. Wir erfahren vom Lokführer (dank Steuerwagen), dass es vor drei Stunden einen Unfall mit tödlichem Ausgang gegeben habe und dass die Staatsanwaltschaft daraufhin beide Gleise gesperrt hat. Jetzt werde eventuell eines freigegeben, aber es müsse sich ja erst mal der ganze Stau abbauen. Na ja, solange die Gleise noch gesperrt sind, kann ja auch unser Anschlußzug nicht fahren, aber nervös sind wir trotzdem. Wir melden der Schaffnerin unseren Umsteigewunsch, die uns völlig baff fragt, was wir dann um Himmels Wille in diesem Zug machen. Wir erklären es ihr und nach einiger Zeit kommt tatsächlich folgende Durchsage: 'An die Fahrgäste, die die CNL nach Hamburg erreichen wollen: Ihr Wunsch wurde weitergegeben. Bitte achten Sie in Freiburg auf die Lautsprecherdurchsagen!' Inzwischen haben wir 45 Minuten Verspätung.
In Freiburg steht unser Zug tatsächlich noch da, allerdings wie immer auf dem entgegengesetzten Gleis. Da wir es nicht schaffen, alles auf einmal zu schleppen, renne ich schonmal mit den Taschen los. Im Gepäckwagen werde ich von einem grinsenden Fahrradpacker empfangen, der in dem Augenblick, als ich meine Taschen einlade, etwas von 'Abfahren' erzählt. Mir ist nicht nach Witzen zumute, er beruhigt mich aber, der Zug habe bis Hamburg über eine Stunde Reserve, also kein Grund zur Panik. Dank einem hilfsbereiten Menschen, der unseren Anhänger trägt, kann es auch bald losgehen. Wir erfahren noch, dass man die Räder selbstverständlich auch hinter Freiburg einlädt, d.h., wir hätten uns und der Bahn den ganzen Ärger sparen können, wenn wir in Offenburg ausgestiegen wären. Na ja. Nach dieser Aufregung besorgen wir noch ein Bier zum Einschlafen und verziehen uns ins Bett. Ich merke noch, dass ich tatsächlich meine Zahnbürste vergessen habe, wie peinlich.
Glücklich in Hamburg angekommen und mit dem CNL-Frühstück im Magen steigen wir in den rappelvollen Zug nach Kiel um. Offensichtlich wollen alle zum Baden an die Ostsee und wir haben Schwierigkeiten, einige Fahrgäste davon zu überzeugen, dass das Fahrrad ins Mehrzweckabteil muss. Irgendwie geht es dann doch und wir werden noch von einem dichtenden Kaffeeverkäufer aufgeheitert.
In Bad Oldesloe kaufe ich mir erstmal eine Zahnbürste, dann radeln wir die 4 km bis Neufresenburg, einem aus schätzungsweise 15 Häusern bestehenden Dorf, wo Wolfgangs Klassenkamerad Meinhard und seine Frau Petra wohnen. Die beiden empfangen uns mit einem gigantischen Frühstück, das uns nach der Aufregung von gestern abend gerade recht kommt. Vom Frühstück gehen wir beinahe nahtlos zum nachmittäglichen Grillen über und nachdem wir das geschafft haben, fahren wir nach Travemünde, um eine Sandskulpturenausstellung anzuschauen. Das Thema ist die Geschichte der Hanse. Die Türme des Lübecker Doms haben zwar etwas unter den Unwettern gelitten, aber sonst ist das Ganze äußerst beeindruckend. Hinterher baden wir noch in der Ostsee (bzw. Meinhard und Petra baden, wir Weicheier stecken nur die Füße rein) und setzen uns auf eine Terrasse am Strand. Ich fange an zu frösteln und sehe schon meine Vorurteile bestätigt, dass wir viel zu spät im Jahr unterwegs sind.
Wir übernachten in Meinhards und Petras frisch ausgebautem Wohnzimmer unter dem Dach.
Nachdem wir zum Frühstück die durchaus üppigen Reste von gestern verspeist haben, starten wir gegen 12 Uhr so richtig in den Radurlaub. Als wir nach kaum einem Kilometer an einem Briefkasten halten (ich schleppe seit Ludwigsburg eine Postkarte rum), überholt uns ein Tandem, ein wunderschönes gelbes Cannondale mit Federgabel. Wir sehen die beiden gerade noch von hinten und rechnen uns wenig Chancen aus, sie einzuholen. Umso erstaunter sind wir, als uns das ein paar Kilometer weiter doch gelingt, als die beiden Trinkpausen machen. Wir halten smalltalk und erfahren, dass sie das Tandem erst seit drei Monaten haben und seitdem ihre Solos nicht mehr benutzen. Gut so. Eine Anwohnerin schaut auch noch raus, bewundert uns uns erzählt was von sehr hügeliger Gegend. Wir können es kaum glauben, unsere Definitionen von hügelig sind wohl doch etwas unterschiedlich.
Die erste Rast machen wir auf einer schönen Terrasse direkt am Wardersee. Das Apfelschorle ist reichlich teuer, mein Salat aber umso leckerer. Danach kommen wir an einigen interessanten Wegweisern vorbei, unter anderem 'Berlin 2 km' (na sowas). In die Gegenrichtung gehts sogar nach 'Weitewelt'. Eine besonders schöne Allee heiß 'Himmelsgasse'. Am Plöner See stellen wir fest, dass unsere Karte wohl schon etwas älter ist, jeden falls finden wir den eingezeichneten Radweg nicht und landen auf der Bundesstraße. Das wäre nicht weiter schlimm, soviel Verkehr ist auch nicht, aber jeder hupt uns an und will uns auf den Radweg (der uns nicht gefällt) schicken. In Malente gefällt uns der Campingplatz nicht und wir beschließen, darauf zu vertrauen, dass es den in Fissau auf der Karte eingezeichneten Platz auch wirklich gibt. Es gibt ihn und er entpuppt sich als wirklich gute Wahl. Da die Zeltecke mit Picknicktischen schon voll ist, bekommen wir einen Platz direkt am Kellersee, sehr romantisch. Ausserdem gibt es einen gemütlichen überdachten Sitzplatz mit Grill und eine Campingküche, was ich bisher nur aus Skandinavien kannte. Das Ganze ist mit 16 Euro einschließlich Dusche auch noch angenehm preiswert. Zum Abendessen laufen wir ins Dorf und setzen uns auf die Terrasse des Fissauer Fährhauses. Für meinen Geschmack ist die Speisekarte zwar zu fischlastig, aber das wird mir wohl in nächster Zeit noch häufiger so gehen. Während wir essen, versinkt die Sonne vorschriftsmäßig im See.
Morgens schauen wir uns erstmal Eutin an und fahren dann auf einem nicht unbedingt für Tandems mit Gepäck konstruierten aber sehr romantischen Weg am großen Eutiner See entlang. Danach beginnt der 'Aufstieg' nach Schönwalde am Bungsberg, eine Gipfelbezwingung des Bungsberges (immerhin 168 m hoch und die höchste Erhebung Schleswig Holsteins) verkneifen wir uns aber. Wie hoch wir trotzdem schon waren, merken wir an der folgenden sanften Abfahrt nach Oldenburg auf wunderschönen schmalen Sträßchen. In Oldenburg gönnen wir uns ein Eis und fahren weiter über Großenbrode nach Heiligenhafen. Dort besichtigen wir die Halbinsel Steinwarder mit wunderschönen Häusern. Leider ist kein Café dabei. Also trinken wir am Hafen etwas und fahren weiter.
Eigentlich sollten wir die Strecke seit Oldenburg kennen, aber seit wir zum letzten Mal hier waren, sind auch schon 13 Jahre vergangen. So lassen wir uns von einer schlechten Beschilderung irreführen und landen statt auf unter der Fehmarnsund-Brücke. Der Versuch, auf der anderen Seite der Brücke zurückzufahren bring auch nicht das gewünschte Ergebnis, so dass wir einen Riesenumweg fahren. Glücklich auf Fehmarn angekommen, bemerken wir als erstes, wie voll es hier ist. Alle Zimmer und Ferienwohnungen am Weg sind belegt. Auch der erste Campingplatz an der Westküste, dem wir ansteuern, platzt aus allen Nähten. Wir hätten wohl schon noch eine Ecke gefunden, beschliessen aber weiterzufahren. Dazu wuchten wir das Tandem auf den Deich. Leider kommen wir wegen Deichbauarbeiten nicht weit und müssen schon wieder einen Umweg fahren. Beim nächsten Campingplatz, der auch recht voll ist aber sehr schön zwischen dem Meer und einem Binnensee liegt, reicht es uns dann. Wir essen beim Italiener und gehen noch am Strand spazieren.
Heute geht es auf direktem Weg zum Fährhafen. Dort erleben wir eine angenehme Überraschung, die Überfahrt soll nämlich für uns beide und das Tandem nur 7 Euro kosten, obwohl eine Einzelperson schon 6 Euro kostet. Des Rätsels Lösung: in der Preisliste steht 'Fahrrad mit Fahrer 7 Euro'! Und ein Tandem hat halt zwei Fahrer. Uns kann es nur recht sein und so fahren wir nach einer knappen halben Stunde Wartezeit (während der wir die Protestplakate gegen den Brückenbau studieren) mit der etwas kurios aussehenden Fähre (sie ist völlig symmetrisch, d.h. keiner weiß, ob sie gerade vorwärts oder rückwärts fährt) nach Rödbyhavn. Dort angekommen fahren wir durch die nicht besonders sehenswerten Außenbezirke, danach entlang einer ebenfalls nicht gerade aufregenden Landstraße nach Maribo. Auffallend ist, dass die Felder schon wieder richtig stauben, obwohl die Titelseiten der Zeitungen in Deutschland von der Flutkatastrophe beherrscht werden.
In Maribo suchen wir erstmal eine Bank, um uns mit Kronen zu versorgen (natürlich nicht ohne insgeheim zu denken, dass die Dänen ruhig auch den Euro einführen könnten). Die erste Bank, die wir finden, hat keinen Geldautomaten, bei der zweiten passiert mir eine peinliche Verwechslung: an der Außenwand befindet sich ein Kasten mit Tastatur, der auf den ersten Blick wie ein Geldautomat aussieht, aber leider keinen Schlitz für die Karte hat. Merkwürdig! Bei näherem Hinsehen handelt es sich um einen Nachttresor... Den Geldautomaten finden wir dann doch noch im Bankgebäude. Vorsichtshalber heben wir beide den Höchstbetrag ab, man weiß ja nie. Mit Geld versorgt, schauen wir uns zuerst den Dom und dann ein kleines Freilichtmuseum an. Inzwischen ist es ziemlich heiß geworden und da wir natürlich gegen den Wind fahren, verspricht der weitere Weg anstrengend zu werden. Aber wir haben Glück: statt der Hauptstraße folgen wir erstmals einer der nationalen Fahrradrouten, die recht hübsch über Seitenstraßen und zum Teil sogar windgeschützt durch kleine Wälder führt, die wir hier gar nicht erwartet hätten. So erreichen wir die nächste große Brücke (diesmal ohne uns zu verfahren) und landen in Nyköbing auf Falster. Das ist eine recht nette Stadt mit jeder Menge Kopfsteinpflasterstraßen und einer schönen Fußgängerzone. Beim Tellergucken in den Straßencafes entdecke ich einen Riesenhamburger, was natürlich dazu führt dass ich auch einen will. Unverschämterweise macht das Café in diesem Augenblick zu, aber es ist ja nicht das einzige und so komme ich zu meinem ersten dänischen Hamburger. Obwohl wir zunächst skeptisch sind, weil der Campingplatz laut Karte nicht am Meer, sondern an einer Hauptstraße liegt, beschließen wir, nicht weiter zu fahren. Unsere Bedenken sind unbegründet, der Campingplatz ist von der Straße durch ein Wäldchen getrennt und sehr hübsch. Wir werden sofort persönlich begrüßt und darauf hingewiesen, daß wir für morgen Brötchen bestellen könnten. Klar, daß wir uns dazu nicht zweimal auffordern lassen. Wolfgang besteht trotz bestem Wetter auf eine Hütte, irgendwie gehört das für uns zum Skandinavien-Urlaub. Die Hütte ist eine der einfacheren Sorte (zwei Stockbetten, Minitisch, zwei Stühle) und ist leider eine von den zweien, die kein Reetdach haben. Aber die Terrasse ist trotzdem gemütlich. Wir sitzen noch recht lang draußen und beobachten einige merkwürdige Zwerghühner, die frei auf dem Campingplatz rumrennen, sowie zwei Zwerge, die versuchen, sie zu fangen.
Der Tag beginnt gleich mit einer Gegenwindstrecke: wir fahren ans westliche Ende von Falster nach Hesnäs. Kurioserweise sind dort einige Häuser nicht nur mit Stroh gedeckt, auch die Wände bestehen aus Stroh. Sieht recht urig aus. Für den Gegenwird werden wir an der Küste durch einen wunderschönen Küstenwald belohnt, dem eine Rückenwindstrecke nach Stubbeköbing folgt. Wir können uns sogar ein Wettrennen mit einem Traktor liefern. In Stubbeköbing stürmen wir den Hafenkiosk (Burger für mich und Hotdog mit allem für Wolfgang) und setzen mit einer Minifähre nach Bogö über. Vor dort an müssen wir uns die ganze restliche Strecke mit heftigem Gegenwind auseinandersetzen. Bogö ist mal wieder über eine Brücke mit Mön verbunden. Gleich hinter der Brücke gibts die erste Sehenswürdigkeit auf Mön: die Kirche von Fanefjord. Sie ist fast vollständig mit erstaunlich bunten Fresken ausgemalt.
Leider stellt sich Mön zusätzlich zum Gegenwind auch noch als hügelig heraus und so langsam macht sich mein mangelnder Trainingszustand doch bemerkbar. Ausgerechnet jetzt finden wir keinen Laden um etwas zu trinken zu organisieren (wir fahren nicht auf der Hauptstrasse), merken aber bald dass eine dänische Flagge am Strassenrand 'hier wird etwas verkauft' bedeutet. Wir entscheiden uns für Brombeeren, die aber zum Teil recht matschig sind. So recht gegen den Durst helfen sie auch nicht. Zwischendurch besichtigen wir noch einen Museumsbauernhof in Kelbylille und erreichen wirklich mit letzter Kraft den Campingplatz 'Möns Klimt'. Dort tun wir als erstes was gegen unseren Durst, stellen unser Zelt auf und fahren ungeduscht auf einem Waldweg Richtung Klippen. Am Parkplatz sind wir praktisch die einzigen, aber das Selbstbedienungsrestaurant hat noch offen. Mit dem schlagenden Argument 'die Klippen machen nicht zu, das Restaurant vielleicht schon' überrede ich Wolfgang, zuerst etwas zu essen. Wir essen beide ein für dänische Verhältnisse erstaunlich billiges halbes Hähnchen mit Pommes und Salat, eine Riesenportion. Gleich nachdem wir fertig gegessen haben, schließt das Restaurant tatsächlich und wir schleppen unsere vollen Mägen Richtung Klippen. Die sind wirklich beeindruckend, auch wenn einer der schönsten Aussichtspunkte wegen Rutschgefahr gesperrt ist. Den Weg zum Strand runter verschieben wir aber auf morgen.
Abends ist es uns zu kalt zum draußen sitzen und auch die Nacht wird unruhig, da der Wind die ganze Nacht nicht nachlässt und unser Platz zwar eine schöne Aussicht bietet, aber nicht besonders windgeschützt ist. Ausserdem fährt ein Mähdrescher auf dem Nachbaracker rum.
Wir folgen wieder einer Radroute nach Schloss Lisenlund. Erstaunlicherweise sind wir bereits vor 10 Uhr dort, aber das nützt uns auch nichts, die 10-Uhr-Führung ist von einer Schulklasse gebucht. Also nutzen wir die Zeit, doch noch durch die Klippen (die hier nicht mehr ganz so hoch sind) an den Strand zu steigen und danach im sehr sehenswerten Park spazieren zu gehen, der unter anderem eine norwegische Hütte und ein Schweizerhaus beherbergt. Netterweise schafft es inzwischen auch die Sonne, den Morgendunst zu vertreiben.
Um 11 Uhr dürfen wir dann auch Lisenlund besichtigen. Nicht schlecht für ein Sommerhäuschen. Dann geht es endlich mal wieder mit Rückenwind nach Westen. Unterwegs besichtigen wir noch die Kirche von Elmelunde und kaufen in einem Kramladen unseren eigenen Dannebro für den BOB. In Stege kaufen wir eine deutsche Zeitung und kurz darauf gehts schon wieder über die nächste Brücke nach Kalvehave auf Seeland. Inzwischen haben wir gelernt, dass sich am Hafen fast immer eine Pölser- und Hamburgerbude befindet, so auch hier. Sie hat allerdings wegen der herrschenden Hitze ihr Angebot drastisch reduziert und so muss ich diesmal auf meinen Hamburger verzichte. Stattdessen gibts Brötchen mit hervorragendem Schweinekrustenbraten. Der Zwerg am Nebentisch (noch keine zwei) vertilgt derweil ein Pölser mit Ketchup, das er gleichmäßig über sich verteilt und dabei übers ganze Gesicht strahlt. Wolfgang vermutet, dass die Kunst, einen Hotdog zu essen, in Dänemark früh trainiert werden muss.
Unterwegs besichtigen wir noch eine mittelalterliche Straße und fahren dann an der Fakse Bugt entlang nach Fakse Ladeplats. Dort fällt uns am Hafen ein Lokal mit dem schönen Namen 'Ship ohöj' auf. Außerdem gibt es eine putzige Privatbahn Richtung Köge. Falls wir morgen also nicht selber radeln wollen, wäre das auch kein Problem.
Der Campingplatz liegt etwas außerhalb des Ortes, ist klein und gemütlich und hat als einziger während unseres Urlaubes keinen Brötchenservice (bzw. nur am Wochenende). Wir reservieren gleich einen der Picknicktische für uns und beschließen dann, den als 'buktens beste strand' beworbenen Badestrand zu erkunden. Der entpuppt sich als recht schmal und voller Seetang. Wir machen trotzdem einen Strandspaziergang. Nachdem wir noch auf einigen Schleichwegen ein Fabrikgelände überquert haben, stehen wir wieder vor dem 'Ship ohöj'. Da der kleine Laden auf dem Campingplatz sowieso nichts aufregendes geboten hat, bleiben wir gleich zum Essen. Auf dem Rückweg entdecken wir eine Tankstelle mit erstaunlich gut sortiertem Laden, wo sich Wolfgang noch einen Nachtisch gönnt. Dafür verspricht er, morgen hier die Brötchen zu holen.
Wolfgang fährt tatsächlich Brötchen holen, während ich Tee koche. Unsere Nachbarn sind offensichtlich auf dieselbe Idee gekommen, das hätte man auch geschickter organisieren können. Nach dem Frühstück folgen wir der Marguerite-Route, die wie eigentlich immer sehr schön geführt ist und sich auch zum Radeln gut eignet über Schloss Vallö (nicht zu besichtigen) nach Köge. Köge hat eine nette Altstadt, aber wir beschränken unsere Erkundungen recht stark auf die Restaurants. Wir finden eines, wo man im Innenhof sitzen kann. Dort essen wir unser erstes Smörrebröd. Wird ja auch Zeit, schließlich sind wir in Dänemark.
Das Stück hinter Köge sieht auf der Karte recht öde aus (37 km entlang einer Bundesstraße stur geradeaus), stellt sich aber als gar nicht so unangenehm heraus. Die Straße ist zwar vierspurig, hat aber einen gut und flott zu befahrenden Radweg ohne Holper- oder Engstellen. Außerdem ist das Meer nie weit. Wir nehmen uns aber keine Zeit für das Meer, wir wollen zügig nach Kopenhagen. Unser Plan ist, heute nacht die Fähre nach Bornholm zu nehmen, wir haben aber keine Ahnung, ob das so kurzfristig noch klappt.
Der gut ausgebaute Radweg führt bis ins Zentrum von Kopenhagen, wo wir kurz nach 16 Uhr ankommen. Dort wird die Wegeführung ein paar Mal etwas unklar, trotzdem landen wir mehr oder weniger zufällig direkt in Nyhavn, wo auch die Fähre nach Bornholm ablegt. Wir bekommen ohne Probleme ein Fährticket und eine Kabine (glücklicherweise ist nicht Wochenende, da ist das Büro nicht besetzt und man hätte bis 22:00 Uhr warten müssen, um ein Ticket zu kaufen). Das Gepäck können wir sofort in die Kabine bringen, Fahrzeuge dürfen offiziell erst eine Stunde vor Abfahrt an Bord. Da die Ladeluke günstigerweise gerade offensteht, schieben wir unser Fahrrad einfach rein und schließen es an. Da wir sonst niemanden finden, lassen wir uns von einem Mitglied der Küchencrew (das garantiert nicht zuständig ist, aber was solls) das ok dafür geben. Dann stellen wir das Gepäck in die Kabine, die kleiner ist als alles was ich bisher auf Fähren gesehen habe, duschen und stürzen uns ins Kopenhagener Gewühl. Letzteres ist wörtlich zu nehmen, denn Nyhavn ist an diesem schönen Sommerabend bis auf den letzten Platz besetzt. Nicht nur die Stühle in den Kneipen, sondern auch jede Sitzgelegenheit auf Mauern oder einfach auf dem Gehweg. Das Bier wird einfach im Sixpack mitgebracht, bei den Preisen in den Kneipen wohl nicht die schlechteste Idee.
Wir machen zunächst eine Stadtrundfahrt auf den Kanälen, winken der kleinen Meerjungfrau zu und bewundern die Schiffe auf den Kanälen. Dann gehen wir ins Tivoli. Selbstverständlich sind wir nicht die Einzigen, die auf diese Idee gekommen sind. Trotzdem macht der Bummel Spaß, die Anlagen sind wirklich hübsch. Zum Anstehen an einem der Karussells fehlt mir allerdings doch die Geduld. Und auch bei der Suche nach einem Restaurant haben wir kein Glück. Die Restaurantpreise im Tivoli sind extrem unterschiedlich, von preisgünstig bis unbezahlbar. Logischerweise gibts die freien Plätze am Freitag abend praktisch nur bei unbezahlbar und/oder ungemütlich.
Wir begnügen uns also mit ein paar Nachos aus der Hand und hoffen auf das Buffet auf unserer Fähre. Unsere Hoffnungen werden nicht enttäuscht, wir müssen das Buffet mit genau drei weiteren Personen teilen und können mit Blick auf Nyhavn in Ruhe spachteln. Auf einmal bemerkt Wolfgang unten am Kai gleich mehrere Tandems und auch ein paar Soloräder, die etwas unschlüssig rumstehen. Wir schließen Wetten ab, ob sie wohl auch mitfahren wollen (noch haben sie Zeit, die Fähre legt erst um 22:30 ab) oder ob sie sich nur so treffen. Kurz vor Abfahrt der Fähre scheinen sie endlich vollzählig zu sein (einschließlich Begleitfahrzeug) und gehen an Bord.
Wir beenden den Abend nur wenig später, morgen heißt es früh aufstehen, die Fähre wird um 6:30 in Rönne ankommen.
Das Handy, das wir auch als Wecker benutzen, spielt uns einen bösen Streich: mitten in der Nacht werden wir von einer SMS gemacht, mit der uns ein schwedischer Netzanbieter in seinem Netz willkommen heißt. Da wir eine Innenkabine haben, bemerken wir den Irrtum nicht sofort, aber gottseidank noch bevor wir uns anziehen. ;-)
Obwohl wir noch ein bisschen weiterschlafen können, endet die Nach viel zu früh, aber doch zu spät um die Einfahrt nach Rönne mitzuerleben. Beim Aussteigen sehen wir die anderen Tandems noch bei Tageslicht, es sind vier völlig verschiedene von der Doppel-Damengurke bis zum Cannondale (?). Sie scheinen aber keine Lust auf einen Plausch zu haben und sind schnell verschwunden.
Wir beschließen, erstmal Ausschau nach einem Frühstück zu halten und werden in einer Kombination aus Café, Kiosk, Buswartehalle und ÖPNV-Büro auch recht schnell fündig. Wir blättern in den Bornholm-Prospekten und sind noch etwas unschlüssig, ob es eher Richtung Osten zu Strand und Dünen oder eher Richtung Norden an die Steilküste gehen soll. Da die Auswahl an attraktiv aussehenden Campingplätzen an der Nordküste größer ist und die Gegend dort auch mehr Abwechslung verspricht, brechen wir nach Norden auf. Die Saison scheint tatsächlich praktisch vorbei zu sein, jedenfalls haben alle Hotels 'Zimmer frei' Schilder draußen. Wir möchten aber lieber eine Campinghütte auf einem möglichst attraktiven Campingplatz in schöner Lage. Der erste, den wir sehen erfüllt diese Kriterien schonmal nicht und so beschließen wir hinter Hasle, uns auf das Abenteuer 'Radweg' einzulassen.
Letzeres beginnt ganz harmlos auf einer für Autos gesperrten Straße, die am Meer entlang. in den kleinen Ort Heligpeder führt. Hinter dem Ort hört die Straße auf und das Abenteuer beginnt. Der Weg wird schmal, unbefestigt und steil. Das Ganze gipfelt in einer laut Schild 22-prozentigen Steigung. Eigentlich ist das Ganze ja recht pfiffig gemacht: die eine Hälfte des Weges ist naturbelassen, die andere mit flachen Stufen versehen. Mit einem Tandem mit Gepäck und Anhänger stößt man da aber auch schiebend an seine Grenzen.
Irgendwann wird dann auch noch die normalerweise sehr gute Beschilderung etwas verwirrend und wir wissen nicht mehr so genau, wo wir eigentlich sind, bis wir schließlich doch im nordwestlichsten Ort Bornholms Sandvik rauskommen. Der Campingplatz dort gefällt uns auf Anhieb, er ist in großen Teilen recht naturbelassen und hat statt Meerblick Aussicht auf den Hammerknuden, einen Granitfelsen in der Nordostecke Bornholms. Wir mieten eine 'kleine' Hütte, die sich als recht komfortabel entpuppt: sie hat fließend kaltes und warmes Wasser, eine Küche mit mehr Geräten als bei uns zu Hause, eine Eckbank und zwei separate Schlafkammern mit jeweils einem Stockbett, das unten überbreit ist, so dass zwei Personen nebeneinander schlafen können. Sogar die Matratzen sind hervorragend. Eine Terrasse rundet das Ganze ab.
Der Campingplatz-Chef fragt uns noch, ob es uns etwas ausmache, wenn wir die Hütte erst in einer Stunde beziehen könnten, er habe zwar genügend Hütten frei, möchte aber einige nebeneinanderliegende für eine angemeldete größere Gruppe freihalten. Kein Problem, wir erkunden solange den Ort und studieren schonmal die Speisekarten der Lokale, die fast alle traditionsgemäß von 12 bis 17 Uhr besonders preiswert (für dänische Verhältnisse) 'frokost' anbieten.
Nachdem wir die Hütte bezogen haben, füttern wir erstmal die Waschmaschine und gehen dann in das vorher ausgesuchte Lokal Smörrebröd essen. Danach brechen wir zu einen 'kleinen' Verdauungsspaziergang Richtung Hammerknuden auf. Aus dem kleinen Spaziergang wird eine in der Nachmittagshitze recht anstrengende Umrundung des Hammerknuden. Da wir irgendwo eine Abzweigung verpassen, umrunden wir den Hammersee gleich mit. Dort hat eine Gruppe auf 'Survivaltrip' eine Seilbahn über den See gebaut. Das eine Ende sitzt auf einem Felsen, das andere ist im See. Unter Gejohle der Zuschauer wird einer nach dem anderen in einem Klettergurt oben ans Seil gehängt und fährt erst über dem See und damm im See zu Tal, wo ihn ein Schlauchboot auffischt. Eine andere Gruppe ist mit Bogenschießen beschäftigt (die umgehen wir vorsichtshalber weiträumig), wieder andere klettern. Ich bin natürlich felsenfest davon überzeugt, dass es sich um Jungmanager auf Selbsterfahrungstrip handelt, obwohl ich zugeben muss, dass sie so eigentlich gar nicht aussehen.
Hinterher fühle ich mich nicht besonders, ich hätte einen Hut und etwas zu trinken mitnehmen sollen. Wir sitzen noch ein bisschen auf der Terrasse und gehen früh ins Bett.
Das Besondere an Bornholm ist, dass es auf engstem Raum unheimlich viele verschiedene Landschaften zu bieten hat. Direkt neben der Küstenstraße befindet sich in einem Naturschutzgebiet Dänemarks einziger Wasserfall. Hier kommt man sich vor wie im Schwarzwald, obwohl man keine 500 m vom Meer entfernt ist. Am Meer selbst gibt es eine beeindruckende Steilküste mit Klippen und auch einige Runensteine sind hier zu finden.
Von so vielen Sehenswürdigkeiten 'aufgehalten' ist es Mittag, bis wir in Gudhjem ankommen. Gudhjem gilt als der schönste Ort Bornholms mit engen steilen Gässchen mit bunten Fachwerkhäusern. Am Besten lässt man auch das Fahrrad oben an der Straße stehen (es gibt einen Parkplatz), im Ort kann man sowieso nicht vernünftig fahren. Natürlich haben solche Orte auch immer etwas von Rothenburg ob der Tauber an sich, d.h. es gibt Souvenir- und Kunstgewerbeläden, Cafés, Restaurants usw. Im Sommer strömen hier bestimmt die Massen, jetzt ist es angenehm ruhig. Einige Läden machen Ausverkauf oder sind bereits geschlossen.
Nach der Ortsbegehung setzen wir uns in einen Biergarten und essen sehr leckere gefüllte Pfannkuchen. Dabei haben wir einen prima Blick auf die doch noch recht zahlreichen Touristenbusse, die sich alle unbedingt durch den engen Ort quälen müssen. Irgendwann wird uns das zu blöd und wir fahren auf der Küstenstraße weiter.
Im nächsten Ort entdecke ich in einem Laden ein kurioses Schild. Wenn meine nichtvorhandenen Dänischkenntnisse nicht trügen, sagt es etwas in der Art 'Bei Schulklassen haben höchstens drei Schüler auf einmal Zutritt'. Hier scheint man einschlägige Erfahrungen gemacht zu haben. Während wir Pause machen, sehe ich gerade noch aus dem Augenwinkel ein Tandem vorbeifahren. Wir sollten ihm noch öfter begegnen.
So langsam wird es spät und wir beschließen umzukehren. Wir folgen der Radwegbeschilderung ins Inselinnere. Dieser Radweg ist nun wirklich sehr schön: er führt kilometerweit nahezu eben durch einen wunderschönen Wald an kleinen Moorseen und einer Ruine vorbei. Leider verpassen wir wieder eine Abzweigung und landen auf einer Straße. Wo wissen wir nicht so genau, für Radwege ist unsere Karte zu grob. Wir fahren einfach Richtung Norden weiter, kaufen unterwegs an einem typischen Straßenverkaufsstand einen Kerzeständer aus Granit und landen irgendwann wieder auf einer bekannten Straße. An einer der Bornholmer Rundkirchen vorbei fahren wir nach Hause.
Unsere Hüttennachbarn sind inzwischen abgereist und haben zwei Windlichter auf ihrer Terrasse zurückgelassen. Die werden natürlich erstmal beschlagnahmt und sorgen heute abend zusammen mit dem Granitkerzenständer für echte dänische Hygge. Zur Abrundung des Ganzen kommt uns noch ein Igel besuchen.
Nicht weit vom Mittelaltercenter entfernt steht die Österlarskirche, die größte der Bornholmer Rundkirchen. Man kann im Inneren nicht nur den Kirchenraum, sondern auch die zur Verteidigung dienenden oberen Stockwerke anschauen. Früher hatten die Kirchen nicht die heutigen Kegeldächer, sondern offene Wehrgänge mit Zinnen und sahen wirklich aus wie Festungen. Heute kann man das von außen und auch im Kirchenraum (der hier statt einer Säule einen kleinen runden Extraraum in der Mitte hat) kaum noch erkennen. Vor der Kirche parkt das Schauff-Tandem, das schon gestern an uns vorbeigefahren ist. Ich mache ein Zwei-Tandems-und-ein-Trailerbike-Foto, der kleine Besitzer des Trailerbikes kommentiert, dass man 'sein Doppelrad' auseinandernehmen kann, unseres aber nicht.
Wir fahren weiter durch den Wald Allmindingen, der uns schon gestern so gut gefallen hat und landen in Aakirkeby, dem einzigen größeren ort auf Bornholm, der nicht an der Küste liegt. Dort essen wir in einem wunderschönen Innenhof eine Art Smörrebröd, das aber auf einem gigantischen Hamburgerbrötchen serviert wird (sehr lecker) und bummeln ein wenig durch die kleine Fußgängerzone. Dann fahren wir in Richtung Westküste und am Hammershus vorbei nach Hause. Diesmal finden wir den Weg, den wir am Samstag vergeblich gesucht haben, nur um festzustellen, dass auch er zwar landschaftlich schön, aber eher eine Mountainbikestrecke ist. Ohne Gepäck geht es gut, aber ein Weg für Reiseradler ist das nicht wirklich.
In Sandvik stellen wir fest, dass der Kaufmann seit heute auf Winteröffnungszeiten umgeschwenkt ist und schon geschlossen hat. Aber wozu gibt es Restaurants? Statt zu duschen nehmen wir ein kurzes Bad in der Ostsee und essen danach im Café des Wellenbades zu Abend (eine Riesenportion Nachos und einen Salat). Wir sind die einzigen Gäste, es wird wohl wirklich Winter. Wie schon fast üblich, klingt der Tag auf der Terrasse aus. In der Dämmerung meinen wir noch zu sehen, wie ein Tandem auf den Campingplatz fährt.
Während Wolfgang die Rechnung zahlt, habe ich endlich Gelegenheit, mit den Fahrern des Tandems, das wir die letzten Tage immer wieder gesehen haben, einen Plausch zu halten. Sie bewundern unseren Anhänger, kriegen aber selber ihr Campinggepäck gut auf dem Gepäckträger unter.
Unsere Fähre zurück nach Kopenhagen geht erst um 22:30, d.h. bis dahin müssen wir uns irgendwie die Zeit vertreiben. Glücklicherweise haben wir im Veranstaltungskalender entdeckt, das heute Abend eine Stadtführung in deutscher Sprache durch das alte Rönne stattfindet. Das passt prima. Vorher wollen wir aber noch etwas Rad fahren. Zuerst fahren wir (diesmal über die Straße) zurück nach Rönne, wo wir Fahrkarten für die Fähre kaufen (diesmal muss ich für drei Fahrräder zahlen, auf der Hinfahrt waren es nur zwei) und alles Gepäck in ein Schließfach packen. Den Yak wollen wir nicht stehen lassen und nehmen ihn deshalb leer mit.
Heute finden wir endlich den vielgerühmten Radweg auf der alten Bahnlinie. Er führt von Rönne aus nach Westen und ist wirklich wunderschön angelegt. Sogar die Absperrgitter, von denen es eine ganze Menge gibt sind tandemgeeignet. Es gibt immer wieder hübsch gestaltete Rastplätze, darunter einen mit 'neuen' Runensteinen, die alle möglichen Motive aus Bornholm zeigen.
Leider schaffen wir es nicht, bis zu den Dünen an der Südostecke vorzudringen. Das Stück der Südküste, das wir zusehen bekommen, ist eine Miniaturausgabe der Steilküste im Norden. Wir finden trotzdem ein Stück Strand, wo Wolfgang sich mit mäßigem Erfolg als Deichbaumeister versucht. Das Meer hat wenig Respekt vor seinen Konstruktionen und spült sie immer wieder weg.
Dann ist es schon wieder Zeit zurückzufahren, zumal wir noch nicht wissen, vor welcher Kirche sich der Treffpunkt der Führung befindet. Auf dem Rückweg kommen wir am Bornholmer Flughafen vorbei, der ist ganz schön stattlich für eine solch kleine Insel.
In Rönne warten wir gottseidank auf Anhieb vor der richtigen Kirche auf die Führung. Es finden sich außer uns noch überraschend viele Menschen ein, die alle bald brav unserer Führerin, einer Geschichtslehrerin aus Mecklenburg-Vorpommern durch die kopfsteingepflasterten Straßen folgen.
Wir sehen und erfahren eine ganze Menge in den nächsten zweieinhalb Stunden, so z.B. den neuen Leuchtturm, der wie eine Ampel auf einem überlangen Pfosten aussieht, viele prächtige Feigen- und Maulbeerbäume (an denen könnte sich meine Balkonfeige ruhig mal ein Beispiel nehmen) und mehr oder weniger gut restaurierte Häuser, das kleinste Haus der Stadt. Wir erfahren etwas über das Bornholmer Theater, wie sich die Bornholmer von den Schweden befreit haben und wie Bornholm nach dem offiziellen Ende des zweiten Weltkrieges noch bombardiert wurde. Besonders romantisch wirken die Altstadtgässchen, als es langsam dunkel wird und die pseudohistorischen Straßenlaternen angehen. Trotz aller Romantik strengt das Gehen über die Kopfsteinpflasterstraßen ganz schön anstrengend.
Nach der Führung stürmen wir eine Hamburgerbude, für richtiges Essen ist es schon zu spät und warten dann noch wie es uns vorkommt eine Ewigkeit am Hafen, bis man uns endlich an Bord der Fähre lässt. Wir sind todmüde und liegen im Bett noch ehe die Fähre richtig abgelegt hat.
Natürlich müssen wir wieder viel zu früh aufstehen, um halb sieben ist selbst in Kopenhagen noch nichts los. Unsere Suche nach einem Frühstück verläuft zunächst nicht sehr erfolgreich, die Cafés haben noch nicht geöffnet und auf Seven-eleven haben wir keine Lust, wir möchten uns setzen. Erst das Bahnhofsrestaurant bietet ein sogar recht ansprechendes Frühstücksbüffet, bei dem allerdings alles einzeln bezahlt werden muss, es sei denn man wählt eine Standard-Zusammenstellung. Nur um unser Fahrrad ist es uns vor dem Bahnhof nicht wohl und so gehe ich zwischendurch immer mal wieder nach ihm schauen. Objektiv bringt das zwar gar nichts, aber subjektiv beruhigt es.
Nach dem Frühstück besuchen wir den Hof von Schloss Amalienborg, wo wir jedoch recht schnell von einer Bärenfell-bemützten Wache zum Gehen aufgefordert werden, weil unser an einen Laternenpfahl gelehntes Tandem den Hof verschandelt. Also gut, gehen wir halt zur kleinen Meerjungfrau. Ein Kreuzfahrtschiff mit Amerikanern ist auch schon da und so kommen wir noch zu der Ehre, fotografiert zu werden. Der kleinen Meerjungfrau können wir aber nicht ganz die Show stehlen.
Die Ausfahrt aus Kopenhagen ist fast noch schöner als die Einfahrt. Man ist recht schnell aus der eigentlichen Stadt draußen und kann dann wieder kilometerweit direkt am Meer entlang fahren. Auf der anderen Straßenseite scheinen alle zu wohnen, die in Dänemark was auf sich halten, jedenfalls ist eine Villa schöner und prächtiger als die andere. Ein paar vermieten auch Zimmer, zu welchen Preisen haben wir nicht untersucht.
Helsingör kündigt sich schon von weitem durch die pausenlos auf dem Öresund hin- und herfahrenden Fähren an. Eigentlich hatten wir gedacht, der Fährverkehr hätte seit dem Bau der Öresundbrücke nachgelassen, aber weit gefehlt. Es fahren nach wie vor zwei große Autofähren und die 'Sundbusse' (Personenfähren). Den Grund für dieses Verkehrsaufkommen erfahren wir, als wir in die im übrigen sehr hübsche Fußgängerzone von Helsingör einbiegen. Weitaus die meisten Geschäfte verkaufen Alkohol. Der ist mehr oder weniger ansprechend palettenweise auf der Straße dekoriert und wir von Schweden sackkarrenweise weggeschleppt. Für uns ist das insofern recht kurios, da die Preise für unser Verständnis immer noch recht hoch sind. Aber für die Schweden sind wohl schon auf der Straße sehende Bierkisten eine Sensation verglichen mit ihren wie eine Mischung aus Bank und Apotheke wirkenden Alkoholläden.
Wir verköstigen uns erstmal und verbringen dann fast den ganzen Nachmittag auf Schloss Kronburg. Die Innenräume sind zwar nicht so interessant wie ich gehofft hatte, aber die Lage am Öresund ist umso eindrucksvoller. Dass Kronburg der Schauplatz von 'Hamlet' ist, habe ich allerdings bis dahin auch nicht gewusst.
Wir erwägen kurz, nach Schweden rüberzufahren, weil wir in Helsingborg ein schickes Hotel und ein hübsches Restaurant kennen (ist allerdings auch schon acht Jahre her), entscheiden uns aber dann doch ins Landesinnere abzubiegen. Dieser Entschluss beschert uns sofort hinter Helsingör einen Hügel, der es durchaus in sich hat. Im einsetzenden Berufsverkehr ist das doppelt unangenehm. Dafür ist das Schloss Fredensborg, der Hauptwohnsitz der dänischen Königsfamilie umso eindrucksvoller. Es scheint gerade niemand da zu sein, jedenfalls können wir unbehelligt in den Privatgarten schauen. Wir fühlen uns trotzdem fehl am Platze, außerdem ist es kühl und windig geworden (wir sind inzwischen verwöhnt). So beschließen wir, die örtliche Jugendherberge auszuprobieren, die tatsächlich noch genau ein Zimmer frei hat. Außer uns sind noch eine kreischende Schulklasse und einige kettenrauchede Erwachsene da.
Zum Abendessen gehen wir nur ein paar Schritte weiter zu einem dänischen Chinesen, wo das Cola kaum billiger ist als das Bier. Das Essen ist aber gut und preiswert.
Das Frühstück in der Jugendherberge hält was das Foto in der Rezeption versprochen hat und kann mit jedem Hotel mithalten. Nur die Schulklasse stört etwas und die Kettenraucher rauchen schon beim Frühstück.
Heute müssen wir grade mal zehn Kilometer fahren und treffen schon auf das nächste Schloss. Schloss Fredriksborg ist ein echtes Wasserschloss, komplett von Seen umgeben. Außerdem hat es den einzigen Barockgarten Dänemarks, der allerdings erst vor einigen Jahren restauriert wurde. Im Inneren befindet sich das dänische Nationalmuseum. aber das schenken wir uns heute.
Das seeländische Binnenland ist wirklich ziemlich hügelig, auch heute geht es wieder stetig auf und ab. Wir kommen an Dänemarks größtem See vorbei, durch ein paar recht verschlafene Orte und landen schließlich doch wieder am Kattegatt. Hier gibt es eigentlich nur noch Ferienhaus-Siedlungen, wo um diese Jahreszeit natürlich auch nicht mehr viel los ist und einen eigentlich recht enttäuschenden Mini-Strand.
Nach einer kurzen Fährfahrt über den Isefjord und dem schon fast obligatorischen Besuch im Hafenkiosk geht es zunächst am Isefjord entlang und dann erneut sehr hügelig durchs Landesinnere. So langsam beginnt sich die Sache zu ziehen und etwas zu trinken finden wir auch nicht.
Nach 90 Kilometer ist endlich die Westküste in der Nähe von Dragsholm erreicht. Die Rezeption und der Laden des recht großen Campingplatzes sind offiziell schon geschlossen (es ist kurz nach 17 Uhr), aber wir bekommen doch noch eine kleine Nurdachhütte (etwas muffig, aber zum Zelten wird es langsam arg früh dunkel) und etwas zu essen. Von meinem Alternativvorschlag, das Edelrestaurant auf Schloss Dragsholm auszuprobieren, will Wolfgang leider nichts wissen.
Wir machen noch einen Strandspaziergang, das Wasser hier ist ganz flach und piwarm. Es gibt sogar eine Art Lagune, die - diese Erkenntnis kommt uns aber erst hinterher - wahrscheinlich ein Vogelschutzgebiet ist. Ich hoffe, wir haben nicht allzuviele Vögel erschreckt. Auch hier finde ich den Stand nicht besonders attraktiv, aber der Größe des Campingplatzes nach zu urteilen ist im Sommer bestimmt die Hölle los.
Den Rest des Abends verbringe ich damit, mit einer Münzwaschmaschine zu kämpfen, die leider nicht so funktioniert wie beschrieben. Mit Hilfe von sechs (!) Fünfkronenstücken, die Wolfgang auf dem halben Campingplatz einwechselt schafft sie dann doch noch einen Waschgang, für den Trockner haben wir aber endgültig keine Münzen mehr. Also wird die Wäsche quer durch unsere Hütte aufgehängt.
Morgens sieht das Wetter recht bedrohlich aus: der Himmel ist rappelschwarz und beim Frühstück fallen sogar drei Tropfen Regen, die uns allerdings nicht von unserer nicht überdachten Terrasse vertreiben können. Die Wolken verziehen sich aber rasch und so erleben wir unseren ersten typisch dänischen Wetter-Tag, d.h. der Himmel ändert sein Aussehen im Stundentakt. Es bleibt aber den ganzen Tag trocken.
Der Weg nach Kalundborg führt zum Teil direkt am Meer entlang (mit Schildern 'Vorsicht Wasser auf der Straße), zum Teil durch noch mehr Ferienhaussiedlungen. Das letzte Stück fahren wir auf der Bundesstraße, wo uns immer wieder Harley-Fahrer überholen. Irgendwo müssen die heute ein Treffen haben.
Eigentlich wollten wir von Kalundborg aus nach Samsö übersetzen, aber die Saison ist wirklich zu Ende: die Fähre fährt nur noch selten und auf die nächste müssten wir bis halb vier warten. Also nehmen wir die Fähre nach Arhus, die aber leider sofort ablegt und uns keine Zeit mehr für eine Besichtigung von Kalundborg lässt. Die Preisgestaltung dieser Fähre ist durchaus interessant. So kostet ein PKW mit bis zu fünf Insassen weniger als zwei Personen ohne Fahrzeug. Dafür sind Fahrräder im Personenpreis inbegriffen. Die Harleyfahrer, die wir an der Fähre wiedertreffen, zahlen auch deutlich weniger als wir. Vielleicht hätten wir unser Tandem als Harley ausgeben sollen.
Es ist erstaunlich wie viele Autos auf die Fähre passen, die aber auch wirklich bis zum letzen Winkel voll ist. Wir organisieren uns zunächst ein zweites Frühstück und schlafen dann in den sehr bequemen Liegesesseln ein. Wirkliche Profis erkennt man allerdings daran, dass sie Isomatte und Schlafsack dabei haben.
In Arhus verirren wir uns erstmal im Hafen (dabei waren wir schonmal hier und sollten uns eigentlich auskennen) und fahren dann auf einem wunderschönen Radweg durch einen Küstenwald aus der Stadt raus. Dieser Weg führt nach einiger Zeit quasi mitten durch eine ehemalige Mühle, die jetzt ein eher edles Restaurant ist. Trotz der nicht gerade niedrigen Preise können wir nicht widerstehen und bestellen Kaffee und Kuchen (dänischen Äblekage, der eigentlich gar kein Kuchen ist, sondern Apfelmus, Keksbrösel und Sahne in einem Glas geschichtet). Wirklich sehr lecker.
Hinter der Mühle hört der Asphalt auf, der Weg wird stellenweise etwas abenteuerlich zu befahren. Wir befinden uns immer noch auf einer nationalen Fahrradroute, sind aber nicht ganz sicher, wo wir rauskommen werden. Aber wir haben Glück: gerade als der Weg wieder auf die Straße führt, taucht der Campingplatz Ajstrup Strand auf. Das ist der erste der Plätze, die wir für die Übernachtung in die engere Wahl gezogen haben. Inzwischen ist es kurz vor fünf und obwohl wir erst 47 km gefahren sind, beschließen wir nach den Erfahrungen von gestern zu bleiben. Wir möchten nicht irgendwo vor verschlossenen Türen stehen. Doch hier ist unsere Sorge unbegründet: Laden und Rezeption sind bis 23 Uhr geöffnet und das Saison-Abschlussfest ist auch erst morgen. So bekommen wir problemlos eine sehr schöne geräumige Hütte mit Sofa. Der Platz selber ist allerdings riesig und etwas steril. Dafür hat man eine interessante Aussicht auf einen im Meer gebauten Windpark.
Der Tag beginnt mit heftigstem Gegenwind und abwechselnd Sonne und Wolken. Eigentlich hat der Wetterbericht versprochen, dass der Wind im Laufe des Tages dreht, was aber leider ausbleibt. Kurz hinter Hov erwischt uns der erste und einzige Regenschauer dieser Radtour, zwar nur kurz aber umso heftiger. Eigentlich ist die Landschaft hier wunderschön und sieht aus wie im Allgäu, was man in Dänemark und dazu noch so nahe an der Küste nicht unbedingt erwartet, aber bei Sturm und Regen können wir das nicht so richtig genießen.
Trotz Gegenwind haben wir erstaunlicherweise schon um halb eins 47 km geschafft und sind in Horsens. Dort scheint wieder die Sonne und es ist Mittelalterfestival. Viele haben sich entsprechend kostümiert, es gibt Fress- und Verkaufsstände und Musik, alles mehr oder weniger mittelalterlich. Der einzige Nachteil ist, dass man vor lauter Ständen kaum etwas von den schönen Barockhäusern sieht. Wir stürzen uns trotzdem ins Gewühl und können uns nur schwer entscheiden, was wir probieren sollen. Schließlich entscheiden wir uns für ein mit Schweinefleisch gefülltes Fladenbrot. Keine Ahnung, wie mittelalterlich das ist, gut ist es jedenfalls.
Wir sind uns nicht recht schlüssig, wo wir heute noch hinwollen, fahren aber erstmal mit Rückenwind nach Juelsminde. Dort haben wir eigentlich keine rechte Lust mehr, aber die Jugendherberge ist ausgebucht und außerdem ist es erst halb vier. Also fahren wir weiter Richtung Vejle, leider wieder voll Gegnern. Da der Wind nicht schwächer wird, möchten wir kein Risiko eingehen. Wir nehmen daher den ersten Campingplatz an der Straße, auch wenn der nicht am Meer liegt, anstatt abseits von der Straße einen wahrscheinlich schöner gelegenen zu suchen. Dort mieten wir uns in einer großen, aber etwas verwahrlosten Hütte ein und hängen den restlichen Abend nur noch rum.
Heute wollen wir die Radroute 5 nach Vejle ausprobieren. Auf der Karte sieht das recht vielversprechend aus: abseits der Straße und mit Blick auf den Fjord. Gleich nachdem der Weg von der Straße abzweigt, brauchen wir schon den kleinsten Gang und werden auch prompt an der steilsten Stelle von zwei Rennradlern überholt. Wenigstens werden wir mit einem schönen Blick über den Fjord belohnt.
Kurz danach hört der Asphalt auf, der Weg ist ziemlich ausgewaschen und wir beginnen bergab zu schwimmen. Ich bin für umkehren, Wolfgang bleibt optimistisch und möchte am Fjord entlang fahren. Leider ist der Weg am Fjord entlang über weite Strecken zumindest mit Gepäck nicht befahrbar: er hat die Breite und teilweise auch die Topographie eines Singletrails. Und sowas ist eine nationale Radroute. Irgendwie schaffen wir es aber doch bis Vejle, dessen frisch hergerichtete Fußgängerzone am Sonntag Mittag recht ausgestorben wirkt. Nur ein Geschäft macht Ausverkauf und hat geöffnet. Wir finden ein sehr gemütliches Café in einem Innenhof. Dort um die Mittagszeit zu brunchen, scheint absolut in zu sein, jedenfalls ist es gut besucht. Der Salat ist gut, nur ein bißchen kalt, der Cappucino lecker.
Dem Radweg aus Vejle heraus, der laut Karte und Reiseführer über eine Art Minipass mit geschätzt zehn Prozent Steigung führt, trauen wir nun nicht mehr so recht, deshalb nehmen wir die Bundesstraße. Auch die steigt ganz nett an, lässt sich aber gut fahren. Uns kommen jede Menge Radler mit Startnummern entgegen und zwar bunt gemischt vom Rennradler bis zur Familie auf Dreigangrädern. Alle begrüßen uns freundlich. Offensichtlich ist eine Art RTF im Gange. Oben auf dem Berg haben wir Rückenwind und können auf der recht eintönig geradeausführenden Straße ein flottes Tempo vorlegen. Erst auf der kleinen Beltbrücke halten wir an, um die Aussicht zu genießen. Danach machen wir im Hafen von Middlefart Rast und bewundern die Brücken von unten und den Betrieb im Hafen.
Obwohl inzwischen wieder die Sonne scheint, ist es doch noch ein bisschen frisch, um im Freien zu sitzen, also beenden wir unsere Rast und fahren in flottem Tempo weiter durch Fünen. Man merkt, dass hier der Garten Dänemarks ist, denn die Zahl der mit einem Dannebro versehenen Verkaufsstände am Straßenrand steigt inflationär an. Leider ist nichts dabei, was uns anmacht und so erreichen wir ohne weiteren Halt Borgense an der Nordküste. Dort quartieren wir uns auf einem Campingplatz direkt an der Küste ein, der als besondere Aktion einen 'Miniatur-Fünen'-Minigolfparcours zu bieten hat. Die Minigolfbahnen sind tatsächlich mit Fachwerkhäusern, Kirchen etc. dekoriert. Unsere Hütte hat ein schon etwas ramponiertes Schlafsofa und diverse Grünpflanzen zu bieten. Wir bestellen die obligatorischen Frühstücksbrötchen und machen uns auf die Suche nach etwas zu essen.
Borgense ist wieder eine dieser typisch dänischen Kleinstädte mit Fachwerkhäusern und kopfsteingepflasterten Gassen. Es gibt sogar mehrere Lokale zur Auswahl, wir entscheiden uns stilgerecht für das Hotel Borgense. Leider gilt ein Teil der aushängenden Speisekarte und auch das Gericht, in das wir uns vorab verguckt hatten nur für Gruppen. Dafür gibt es aber weil Sonntag ist ein verhältnismäßig günstiges Menü, das wir dann auch beide bestellen. Während wir essen, fragen erstaunlich viele Leute nach einem Zimmer und wir stellen fest, dass ein Zimmer ohne eigene Dusche nur unwesentlich teurer gewesen wäre als unsere Hütte. Aber zu Skandinavien gehört nun mal eine Campinghütte
Auf dem Heimweg frieren wir in unseren kurzen Hosen um ersten Mal so richtig (gestern abend haben wir uns ja nicht mehr rausgetraut).
Wolfgang hat auf der Karte einen 'Ebbevej' zur Insel Aebelö entdeckt und will wissen, wie so etwas aussieht. Da es hier an der Küste kaum Tidenhub und damit auch kein Watt gibt, können wir uns nicht so recht etwas darunter vorstellen. Aber auch eine Besichtigung macht nicht viel klarer, wie das gedacht ist: die Strasse verschwindet einfach im Meer und ausser ein paar Markierungspfosten ist nichts zu sehen.
Erst am nächsten Tag finden wir eine Beschreibung der Insel. Aebelö ist die letzte erhaltene Insel vor der fünischen Nordküste. Alle anderen sind durch Küstenregulierungsmaßnahmen verschwunden. Sie war bis in die Sechzigerjahre bewohnt, dann wurden die Höfe nach und nach aufgegeben. Heute steht sie unter Naturschutz, man darf sich aber zwischen Sonnenauf- und -untergang dort aufhalten und kann tatsächlich auf die Insel gelangen, indem man watend den Markierungen folgt. Auch solche Ebbevejs hat es früher häufiger gegeben.
Wir fahren weiter quer durch Fünen, das wirklich größtenteils aus Äckern zu bestehen scheint Richtung Odense. Kurz vor Odense hat auch die sonst gute dänische Fahrradwegweisung einen Aussetzer: auf der Einfallstraße Richtung Odense ist Radfahren verboten, eine Alternative ist nicht ausgeschildert. Wir finden trotzdem die richtige Abzweigung und landen genau vor dem Bahnhof und dem Eisenbahnmuseum. Vor dem Bahnhof parken soviele Fahrräder, dass alle geeigneten Anlehnmöglichkeiten für ein bepacktes Tandem belegt sind. Irgendwie schaffen wir es dann doch noch, das Teil an einer ziemlich abschüssigen Stelle auszubalancieren.
Das Eisenbahnmuseum ist wirklich interessant, witzig finde ich insbesondere, dass die erste dänische Eisenbahn zwischen Altona und Kiel fuhr. Leider sind einige Teile der Ausstellung, wie z.B. die Fährenabteilung nur auf dänisch beschriftet und auch die Buchabteilung hat nur fast nur dänisches. Aber vielleicht ist das gar nicht schlecht, sonst wäre unser Gepäck zu schwer geworden.
Auf der Suche nach Brandts Klaedefabrik kommen wir an der Attraktion des ganzen Urlaubs vorbei: einer Fahrradzählmaschine, auf der oben gross die Zahl der vorbeigefahrenen Radler zu sehen ist. Tandems werden offenbar nicht doppelt gezählt, also fahren wir auf dem Rückweg gleich nochmal vorbei.
Wieder einmal stellen wir fest, dass die Saison ganz offensichtlich vorbei ist: Brandts Klaedefabrik hat nur im Sommer auch Montags geöffnet und seit gestern ist September. So müssen wir uns mit Brandts Passage begnügen. Wir setzen uns zuerst mal in eines der Straßencafés, wo ich die offensichtlich typisch dänischen Nachos mit Huhn bestelle. Inzwischen haben wir auch gelernt, dass man in solchen Cafés an die Theke gehen muss, um zu bestellen. Die Getränke darf man dann zusammen mit einer Nummer für das Essen selber zum Tisch balancieren, das Essen wird gebracht. Dafür sind die Preise moderat und das Essen ist meistens recht lecker.
Danach besichtigen wir 'Tidens Sammlinger' ein Museum, dessen Thema man wohl am Besten mit 'alles mögliche' beschreiben kann. Es gibt Wohnzimmer aus den Fünfzigern, Klamotten, Zeitschriften, Bücher usw. Man darf in allem stöbern und ich bereue mal wieder, nicht dänisch zu können. Auch bei den alten Zeitschriften hätte sonst erhöhte Suchtgefahr bestanden. Besonderes Highlight ist eine Sonderausstellung zu den Siebzigern. Im detailgetreu nachgebauten Zimmer entdecken wir viele alte Bekannte wieder, wie den Flokati, das Weinkistenregal, die braungestreifte Teekanne (Wolfgangs eigene wurde auf mein energisches Drängen hin vor gar nicht allzu langer Zeit entsorgt !) und das 'Atomkraft, nej tak'-Plakat. Ist das wirklich alles schon zwanzig Jahre oder länger her? Bei solchen Ausstellungen fange ich immer an, mich alt zu fühlen.
Im Museum wird uns noch empfohlen, den alten Kramladen zu besichtigen. Der liegt im historischen Teil von Odense, den wir vorsichtshalber schiebend durchqueren. Der Straßenbelag (besonders grobes Kopfsteinpflaster) macht keinen allzu vertrauenswürdigen Eindruck. Bei der Gelegenheit kommen wir auch am Hans-Christian-Andersen-Museum vorbei, das wir uns aber schenken.
Den Weg aus Odense heraus finden wir erstaunlicherweise ziemlich schnell. Wir fahren durch einige nette Dörfer an die Ostküste nach Kerteminde. Die Jugendherberge, die am Ortsrand in einem kleinen Wald liegt, sieht sehr einladend aus, also bleiben wir gleich da. Sie ist ein im Motelstil erbautes Holzhaus, d.h. alle Zimmer haben einen direkten Ausgang zum Innenhof mit Picknicktischen. Bei Regen ist das wohl nicht ganz so ideal, aber es scheint ja die Sonne. Unser Zimmer hat sogar Dusche und WC, für Fahrräder gibt es einen Schuppen.
Natürlich müssen wir auch noch die Stadt anschauen, ausserdem wollen wir erkunden, ob das Aquarium morgen einen Besuch lohnt. Die Stadt ist wie gehabt: putzige Häuser und Kopfsteinpflaster, das Aquarium klingt doch nicht so interessant wie erhofft. Wir finden nur teure Lokale, also beschließen wir, unsere eigenen Reste zum Abendessen zu vernichten. Aber ein Pölser als Vorspeise schadet natürlich nie.
Abends sitzen wir dann noch eine Weile im gemütlichen Aufenthaltsraum (für den Innenhof ist es ohne Sonne leider zu frisch) und versuchen dem Getränkeautomat etwas Trinkbares zu entlocken. Den meisten Erfolg haben wir mit Bier. Im Fernsehen läuft derweil 'Wer wird Millionär?' auf dänisch, begeistert verfolgt von zwei älteren Damen. Außerdem teilen wir die Herberge noch mit einer Gruppe der 'Dänischen Seemannskirche Göteborg' So oder so ähnlich steht es auf ihnen Namensschildchen und auf ihrem Bus. Offensichtlich sind wir die jüngsten Gäste in der ganzen Jugendherberge, sowas kommt in Deutschland auch eher selten vor.
Das Frühstück ist zwar nicht ganz so üppig wie in Fredensborg, aber dafür gibt es diesmal auch keine kreischende Schulklasse und alles geht erheblich gesitteter zu.
Wir fahren zunächst auf einer sehr angenehmen Route am großen Belt entlang Richtung Nyborg, unterwegs gibt es immer wieder schöne Ausblicke auf die Beltbrücke. Deren Koordinaten haben wir noch von letztem Jahr (da sind wir mit der Fähre untendurch gefahren) im GPS. Es ist erstaunlich, wie sehr unsere Schätzungen und die Entfernungsangabe des GPS voneinander abweichen. Die Brücke ist halt doch nicht 'gleich um die Ecke'. Irgendwann erreichen wir Nyborg aber doch, halten uns aber nicht lange auf, wir wollen heute noch Schloss Egeskov besichtigen.
Dazu biegen wir ins Landesinnere ab und sofort wird es hügelig. Es geht über ganz schmale Sträßchen, die landschaftlich wirklich schön, aber sehr anstrengend zu fahren sind. Auch die Hauptstraße, auf die wir dann doch ausweichen, ist nicht viel besser.
Schloss Egeskov lohnt die Mühe. Der Eintrittspreis ist zwar enorm hoch, aber es wird auch etwas geboten. Das reicht vom Schloss selber über verschieden gestaltete Gärten, mehrere Labyrinthe, einen tree-top-walk bis zu einem Auto- und Motorradmuseum. Letzteres ist wirklich beeindruckend, eine solch große private Sammlung alter Autos und Zweiräder sieht man selten. Da es kaum zu schaffen ist, in einem Nachmittag alles anzuschauen, entgehen uns eine Sammlung landwirtschaftlicher Geräte, ein Feuerwehr- und Rettungswagenmuseum, drei der vier Labyrinthe und ein paar Gärten. Das Schloss schauen wir aber an, besonders interessant finde ich die Dokumentation über die Renovierungsarbeiten. Kein Wunder, dass der Herr Graf (ja, das Schloss gehört einem echten Adligen) so hohe Eintrittspreise verlangen muss. Im Ernst, das ganze ist sicher nicht jedermanns Geschmack, aber es ist immerhin eine neue Variante, den Leuten Geld aus der Tasche zu ziehen ;-).
Hinterher sind wir reichlich geplättet und auch das wirklich gute Salatbuffet im Restaurant bringt uns nicht mehr so recht auf die Beine. Die restlichen Kilometer bis Svendsborg fallen schwer, zumal auch wieder Gegenwind aufgekommen ist. In Svendsborg mieten wir uns in der sehr großen und sehr modernen Jugendherberge ein, die über mehr Konferenzräume als so manches Hotel verfügt. Das Publikum ist hier eher jugendherberstypisch und deutlich jünger und internationaler als in Kerteminde. Man scheint auch eher mit Einzelgästen zu rechnen, es gibt nämlich keine Doppelzimmer, aber ein Vierbettzimmer für uns beide ist auch ganz nett. Leider sind die Zimmer zur Straße etwas laut.
Svendsborg hat eine erstaunlich große Auswahl an Kneipen und so haben wir keine Schwierigkeiten, eine mit leckeren mexikanisch angehauchten Gerichten in Riesenportionen zu finden. Auch der Rest der Stadt und die malerische Lage am Sund sind durchaus sehenswert.
Abends versuchen wir für die nächsten beiden Tage eine Route über möglichst viele Inseln unter Berücksichtigung der nur noch selten fahrenden Fähren auszutüfteln. Dass der Wetterbericht für morgen zweifelhaftes Wetter voraussagt, erleichtert die Sache nicht gerade. Wir beschließen, morgen früh erstmal Valdemars Slot anzuschauen und dann wetter- und zeitabhängig alles weitere zu entscheiden.
Nach einem fast schon gewohnt guten Frühstück haben wir zunächst Schwierigkeiten, die für Radfahrer geeignete Auffahrt auf die Sundbrücke zu finden. Beim zweiten Anlauf klappt es dann und wir erreichen Taasinge. Da man in Jugendherbergen bekanntermaßen etwas früher aufstehen muss, sind wir schon kurz nach 10 bei Valdemars Slot. Auch das gehört einem echten Adligen und ist schon von außen eine Augenweide in traumhafter Lage direkt am Wasser. Bei näherem Hinsehen gibt es allerdings doch einige bröckelnde Mauern. Die Zimmer im Inneren reichen von alt bis vor kurzem eingerichtet, letzeres sind Gästezimmer, die wohl tatsächlich von Gästen der Familie genutzt werden. Besonders schön ist die riesige Schlossküche im Keller.
Wir nehmen noch ein Glas Waldhimbeermarmelade mit und fahren weiter über diverse Brücken nach Langeland. Leider ist es dunstig, so dass man kaum etwas von der sicher tollen Aussicht von den Brücken hat. Unser frühes Aufstehen zahlt sich aus, wir erreichen tatsächlich noch die 12:25-Fähre nach Aerö, haben allerdings keine Zeit mehr, Rudköbing auf Langeland anzuschauen. Auf der Fähre nach Aerö kommt dann auch. die Sonne raus (von dem angekündigten schlechten Wetter ist nichts zu sehen) und wir sehen noch ein bisschen von der Inselwelt in der 'dänischen Südsee'
Aerö selber ist zwar nicht gerade groß, schafft es aber trotzdem, zwischen Nord- und Südküste einen nicht zu verachtenden Berg zu haben. Dafür kann man dann von oben über die gesamte Breite der Insel schauen und auf beiden Seiten das Meer sehen.
Aerösköbing, die 'Hauptstadt' von Aerö ist wirklich eine Augenweide, es sieht gar nicht wie eine richtige Stadt, sondern wie ein überdimensionales Freilichtmuseum aus. Viel los ist allerdings nicht mehr, viele Geschäfte und Lokale haben schon geschlossen, Menschen sind auch kaum unterwegs.
Nach der Besichtigung von Aerösköbing haben wir die Wahl, zügig nach Söby zu fahren, um noch die letzte Fähre nach Mommark zu bekommen (sie fährt in der Nachsaison schon um halb vier) oder irgendwo auf Aerö zu übernachten. Wir entscheiden uns für zufahren und kommen tatsächlich so rechtzeitig am Hafen an, dass wir noch einen Hotdog essen können. Erst als der verspeist ist, trudelt ein Paar auf Rädern ohne Gepäck ein, die wir vor gar nicht allzulanger Zeit überholt haben. Sie sprechen uns auf unser flottes Tempo an und fragen nach dem Hilfsmotor. Sie hatten uns gegenüber allerdings den Vorteil, dass sie wussten wie weit es ist und sich daher nicht sinnlos beeilen mussten.
Auf der Fähre gibt es Aeblekage im Angebot, was man uns natürlich nicht zweimal sagen muss. Dazu gibt es Kakao mit Sahne. Nach dieser Schwerstarbeit döse ich erstmal ein.
In Mommark gibt es gleich am Hafen einen Campingplatz, aber Wolfgang hat sich einen ein paar Kilometer weiter ganz an der Südspitze der Insel ausgeguckt. Der ist auch wunderschön gelegen, auf der einen Seite das Meer, auf der anderen Seite eine Bucht. Außerdem ist er riesengroß, hochtechnisiert (Dusche mit Chipkarten) und hat 40 Hütten. Zuerst halten wir den schon geschlossenen Laden für die Anmeldung und klopfen eine mit Aufräumen beschäftigte Dame heraus. Wider Erwarten ist sie nichtmal genervt, als sich der Irrtum aufklärt.
Auf der Terrasse unserer Hütte scheint gestern ein Gelage stattgefunden zu haben, jedenfalls ist sie von Chipstüten, leeren Bierdosen und Zigarettenkippen übersät. Wir überlegen gerade, ob wir aufräumen oder uns beschweren sollen, als ein älterer Herr auf einem Fahrrad ankommt und die Sache in die Hand nimmt. Ruck zuck haben wir wieder eine saubere Terrasse. Auch von innen ist die Hütte sehr ansprechend, sie hat eine Eckbank im Wohmwagenstil, die man zu einem Bett umbauen kann, eine komplette Küchenzeile und ein kleines Extra-Schlafzimmer.
Wir überlegen kurz, ob wir zum drei Kilometer entfernten Supermarkt zurückfahren sollen, entscheiden uns aber, unsere letzte Tütensuppe zu essen und lieber noch einen Strandspaziergang zu machen. Dabei beobachten wir noch einen Surfkurs auf der Bucht. Dessen Teilnehmer sind wie sich später herausstellt unsere Hüttennachbarn, sie sind aber gelinde gesagt nicht besonders gesprächig und schauen durch uns durch.
Leider scheint den Stechmücken die Hütte mindestens so gut zu gefallen wie uns, nachdem ich leichtsinnigerweise die Tür offengelassen und das Licht eingeschaltet habe, bin ich den Rest des Abends vor allem damit beschäftigt, Mücken zu töten. Ich erschlage nahezu zwanzig Stück (sie scheinen gegen Ende des Sommers nicht mehr so gut in Form zu sein), erwische aber trotzdem nicht alle. Am nächsten Morgen darf ich dann erstmal überall die Mückenleichen wegputzen.
Die Mücken scheinen wirklich nicht mehr in Form zu sein: obwohl ich heute Nacht einige gehört habe, habe ich keinen einzigen Stich.
Wir essen die letzten dänischen Frühsücksbrötchen, die es glücklicherweise auch ohne Vorbestellung gibt, bezahlen unsere Schulden (Wolfgang hat dank Chipkarte zwölf Kronen verduscht) und brechen Richtung Deutschland auf.
Unsere erste Station ist die Dybboler Mühle, die als dänisches Nationalsymbol gilt. Sie wurde in beiden Deutsch-Dänischen-Kriegen zerstört, brannte ein paarmal ab und wurde jedes Mal wieder aufgebaut. Die Ausstellung in der Mühle bemüht sich sehr, nicht nationalistisch zu sein und beide Parteien zu berücksichtigen. Es gelingt ihr nicht immer, ist aber wohl auch unmöglich. Es wird aber sehr gut dargestellt, dass in solchen Kriegen immer jede Seite meint das Richtige zu tun und ihr Vaterland zu schützen. Neben der Mühle gibt es auch noch ein riesiges Informationszentrum, aber wir haben für heute genug von Kriegen, auch wenn sie schon recht lange zurückliegen. Mühle und Informationszentrum scheinen ein beliebtes Ziel von Schulausflügen zu sein, jedenfalls begegnen wir eine nur mäßig interessierten Schulklasse.
In Graasten kommen wir am endgültig letzten dänischen Schloss vorbei, das so gut versteckt hinter einen Mauer versteckt ist, dass wir es beim ersten Mal glatt übersehen. Aber man könnte sowieso nur den Garten anschauen und dazu haben wir gerade keine Lust. Wir wollen lieber noch ein letzes Mal das Meer genießen und hoffen, irgendwo an der Flensburger Förde ein Lokal mit Aussicht zu finden. Das erste, an dem wir vorbeikommen, hat leider geschlossen, beim zweiten in Sönderhav haben wir mehr Glück. Leider ist die Wirtin etwas chaotisch und vergisst erstmal, unsere Bestellung an die Küche zu geben. Insgesamt müssen wir fast eine Stunde aufs Essen warten und auch das Bezahlen dauert etwas. Erst hinterher entdecken wir, dass es auch auf einer der Inseln im Fjord ein Restaurant mit eigner Fähre gegeben hätte (die Speisekarte hängt am Fähranleger). In der Zeit hätten wir auch dort essen können, na ja vielleicht das nächste Mal.
Eigentlich wollen wir unsere letzten Kronen noch in einen Kaffee umsetzen, aber im letzten dänischen Ort am Fjord gibt es keines. Dafür erfahren wir, dass man auch mit dem Schiff nach Flensburg fahren kann, aber über eine Stunde wollen wir nicht warten. Also ignorieren wir das Radwegschild, das mal wieder auf einen total unbefahrbaren Weg weist und fahren auf der Straße an einem Einkaufszentrum vorbei, in dem Wolfgang noch dänische Gummibärchen kauft (dort gibts noch grüne!) Richtung Grenze.
Gleich hinter der Grenze fahren wir leichtsinnigerweise einem Radwegschild Richtung Flensburg hinterher. Der Weg führt zwar direkt an der Förde entlang, ist aber holprig und schmal und hat sehr starken Fußgängerverkehr. Außerdem endet der Weg am Fjord recht plötzlich, die Abzweigung ist nicht nur nicht ausgeschildert, sondern auch steil und zumindest mit Gepäck nicht fahrbar. Auch der weitere Weg in die Innenstadt ist nicht ausgeschildert, aber so viele Möglichkeiten gibts dann auch wieder nicht, wir wissen ja, dass die Stadt am Fjord liegt.
Wir hatten uns für heute abend nach drei Wochen Camping und Jugendherberge ein schickes Hotel in den Kopf gesetzt. Leider hat das einzige, das unseren Vorstellungen entspricht, nichts mehr frei. Alle anderen sehen etwas heruntergekommen aus. Die schönen Sachen scheinen außerhalb zu liegen. Wir haben noch keine konkrete Vorstellung, wie wir wieder heimkommen und wollen uns deshalb nicht zu weit von einem Bahnhof entfernen. Trotzdem entschließen wir uns nach einigem Hin und Her noch zehn Kilometer Richtung Süden nach Oeversee zu fahren. Dort gibt es ein Romantikhotel 'Historischer Krug'. Vorsichtshalber kündigen wir uns telefonisch an und fahren über einen recht holprigen Radweg, den wir irgendwann genervt ignorieren nach Oeversee.
Wir bereuen unsere Entscheidung nicht. Das historische Gasthaus ist durch einige im Stil passende Gästehäuser ergänzt worden. Unser Zimmer ist riesig und enthält neben einem überbreiten Bett mit Blümchenbettwäsche auch ein gemütliches Sofa. Außerdem gibt es ein geräumiges Bad und ein Extrazimmer mit Kinderbettchen. Auch das Essen im originell dekorierten Lokal ist gut und für das gebotene nicht teuer. Bevor wir jedoch in diesen Genuß kommen, fechten wir erst einen Kampf mit der Telefonauskunft der Bahn aus. Dass die neue Nummer mit Handys nicht funktioniert, hat sich schon herumgesprochen. Dass sie mit der Hoteltelefonanlage auch nicht geht noch nicht. Die Rezeptionistin bemüht sich nach Kräften, uns zu helfen und findet schließlich die Ersatztelefonnummer heraus. Damit sind die Schwierigkeiten noch nicht aus der Welt, denn am Samstag scheinen alle Züge ausgebucht zu sein und außerdem wird das Gespräch aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen mehrmals unterbrochen. Nach langem Hin und her gelingt es uns, für Samstag um 14:25 zwei Fahrradstellpätze in einem Interregio, der von Hamburg bis Karlsruhe durchfährt zu reservieren. Wir beschließen, morgen noch ein bißchen zu radeln und morgen abend mit dem Zug nach Hamburg zu fahren und dort zu übernachten.
Nach diesen Strapazen können wir uns endlich unserem Abendessen widmen. Für die Badelandschaft des Hotels reicht es leider nicht mehr.
Wir schlafen etwas länger aus und genießen ein ausgiebiges Frühstück. Das Frühstücksbüffet ist in einer Nische aufgebaut, die wie eine Küche eingerichtet ist, eine wirklich hübsche Idee, so kommt man sich fast wie zu Hause vor. Nach dem Frühstück fahren wir durch das recht dunstige Treenetal, das bei Sonnenschein sicher noch viel schöner ist. An einer Tankstelle kaufe ich eine Karte, die allerdings erst ein paar Kilometer weiter südlich anfängt. Ich hätte sie um ein Haar in Kronen bezahlt. Die deutschen Radwege sind uns zu holprig, also benutzen wir die Straße. Damit sind die Insassen eines Polizeiautos leider gar nicht einverstanden. Sie schicken uns auf den Radweg zurück und uns ist gerade nicht nach streiten.
In der Gegend gibt es erstaunlich viele dänische Einrichtungen, so sind wir bereits gestern an einem dänischen Ruderklub vorbeigekommen, heute sehen wir einen dänischen Sportverein und - besonders hervorstechend - einen dänischen Kindergarten mit einem riesigen Fahnenmast mit Dannebro im Garten.
In Schleswig ist es schon wieder so warm, dass wir im Freien ein Eis essen können. Danach tun wir etwas für die Kultur und besichtigen den Dom. Leider gibt es direkt an der Schlei entlang keinen Weg, so dass wir teils auf die Straße und teils auf die alte Eisenbahntrasse ausweichen müssen und von der Schlei nur wenig sehen. In Missunde setzen wir mit der Fähre über und essen im Fährhaus ein sehr leckeres spätes Mittagessen. Eigentlich wollen wir danach noch nach Rendsburg fahren, merken aber dass das keine so gute Idee war. Die Gegend hier ist erstaunlich hügelig, wir müssten noch vierzig Kilometer gegen den Wind fahren und kühl wird es auch schon wieder. Da liegt Eckernförde doch erheblich näher.
Die Zugfahrt mit dem ganzen Gepäck im erstaunlich gut gefüllten Triebwagen und das Umsteigen sind wie üblich nicht allzu angenehm, aber schließlich sind wir doch in Hamburg. Wir grübeln, wo wir angenehm, bahnhofsnah und nicht zu teuer unterkommen könnten, bis ich beschließe, das 'nicht zu teuer' zu streichen und kurzerhand im 'Europäischen Hof' gegenüber vom Hauptbahnhof nach einem Zimmer frage. Der Europäische Hof ist sicher das einzige Hotel mit einer 100m-Wasserrutsche im Innenhof, aber auch sonst ist der Service nicht schlecht. Unser Tandem darf in der hoteleigenen Busgarage übernachten, im Zimmerpreis ist eine Fahrkarte für den Nahverkehr und ein Gutschein für eine Hafenrundfahrt enthalten. Dann haben wir schon ein Programm für morgen vormittag.
Aber zuallererst müssen wir die Rutsche ausprobieren. Auf der erreicht man eine beträchtliche Geschwindigkeit, was zwar großen Spaß macht, aber auch recht schnell zu blauen Flecken führt. Deshalb und weil ich meine Anfälligkeit für Ohrenschmerzen kenne, habe ich nach drei Mal Rutschen genug und lege mich lieber in den Whirlpool. Wolfgang zeigt mehr Durchhaltevermögen, zieht aber nach einiger Zeit doch die Sauna vor, die sogar einen Balkon im sechsten Stock mit Blick auf den Bahnhofsvorplatz hat.
Zu einem ausgedehnten Abendbummel haben wir keine Lust mehr, es wird wohl doch Zeit, dass wir uns vom Urlaub erholen können. Unsere Kraft reicht gerade noch für einen kurzen Spaziergang an den Landungsbrücken, ein Abendessen in der hoteleigenen Kneipe (witzigerweise im bayrischen Stil, was ja nicht unbedingt nach Hamburg passt, aber gut und preiswert) und einen kleinen Cocktail in der Bar. Dann sinken wir ins Bett.
Nach einem ausgiebigen Frühstück packen wir zum letzen Mal unsere Sachen, deponieren sie samt Tandem im Hotel und lösen unseren Hafenrundfahrt-Gutschein ein. Es ist nicht meine erste Hafenrundfahrt in Hamburg und irgendwie bilde ich mir ein, schon interessantere mitgemacht zu haben. Der Käptn erzählt zuviel von seinen Ansichten über Gott und die Welt und zuwenig vom Hafen. Spass macht so eine Schiffahrt trotzdem.
Da mein Wissensdurst noch nicht gestillt ist, möchte ich auch noch eine Stadtrundfahrt machen. Allerdings wird die Zeit nur knapp reichen und so buchen wir in weiser Voraussicht eine Tour, bei der man an verschiedenen Haltestellen aussteigen kann. Insgeheim hoffen wir allerdings, die komplette Runde fahren zu können. Daraus wird leider nichts, da die Vorbereitungen für den Hamburg Triathlon den Verkehr in der Innenstadt lahmlegen. So bekommen wir nur zwei Drittel der sehr interessanten Rundfahrt mit. An der Außenaltster steigen wir aus und drängeln uns an trainierenden Triathlethen (wie kann man nur freiwillig in der Alster schwimmen??), Zuschauern, Helfern und ganz 'normalen' Spaziergängern vorbei Richtung Hotel. Wir holen unser Gepäck ab, decken uns noch mit Lesestoff ein und warten auf den Zug, der schon hier nicht so recht pünktlich ist.
Im Zug ist erstaunlicherweise recht viel reserviert, aber noch lässt sich ein Platz am Tisch finden. Später wird der Zug dann zeitenweise unangenehm voll.
Die Fahrt zieht sich natürlich endlos, ich verbringe einen Großteil wie immer schlafend. Leider sammeln sich auch insgesamt zwanzig Minuten Verspätung an.
Unsere offizielle Verbindung sah Umsteigen in Bruchsal und Karlsruhe-Durlach vor, jeweils mit extrem kurzen Übergangszeiten. Angesichts der Verspätung steigen wir schon in Heidelberg aus, in der Hoffnung einen durchgehenden Zug nach Ludwigsburg zu finden. Der führe aber erst in einer Stunde und so nehmen wir den nächsten - ebenfalls verspäteten - Zug nach Heilbronn, von dort aus werden wir schon irgendwie heimkommen. Im Zug sitzen außer uns noch andere Fahrgäste, die gern Anschluß Richtung Stuttgart hätten, der Schaffner verspricht, sich darum zu kümmern. Und wirklich kommt auch in Bad Friedrichshall-Jagstfeld die Durchsage, dass ein Zug nach Stuttgart abfahrbereit wartet. Nun ist Bad-Friedrichshall-Jagstfeld zwar ein winziger Ort, aber der Bahnhof ist umso größer und der Zug steht am anderen Ende. Wie üblich können wir nicht alles auf einmal tragen, also renne ich mit den Taschen voraus, lade sie aber nicht ein, da ich ja nicht weiss, ob der Zug auch auf uns wartet. Wider Erwarten wartet er tatsächlich und es gibt auch noch ein paar nette Menschen, die beim Einladen helfen.
Im Zug hält uns dann noch ein Neunmalkluger einen Vortrag, dass es viel klüger gewesen wäre, in Heilbronn umzusteigen, da hätte man viel mehr Zeit und der Zug stehe auf dem Nebengleis. Bei näherem Nachdenken hat er wahrscheinlich sogar recht, aber das interessiert uns in diesem Augenblick eher weniger. Ich gehe einfach davon aus, dass sich der Schaffner bei seiner Aufforderung zum Umsteigen auch etwas gedacht hat. Hauptsache, wir sitzen im Zug, der übrigens einen ganz neuen Fahrradwagen mit Klappsitzen und extrabreiter Tür hat. Es lohnt sich kaum, sich hinzusetzen, wir fangen bereits vor Bietigheim an, unsere Sachen strategisch günstig am Ausgang zu platzieren. Als ich aus dem Fenster schaue, traue ich meinen Augen nicht: es gießt in Strömen. Und so endet unser Dänemarkurlaub nach drei Wochen Superwetter damit, dass wir abends um elf patschnass daheim ankommen.