Der Tag als der Reeegen kaaam ... (71/250hm)
Das Hotel-Frühstück wird von der Dame des Hauses persönlich serviert - ein Sonntag-Morgen nach Maß. Da wir sowieso nach Osten weiterwollen, besuchen wir nochmals Antigone. Diese Architektur ist einfach eine Wucht. Über die D24 kommen wir schnell und bequem aus der Stadt heraus. Im Nachbarort Mauguio ist Markttag. Wir steigen vom Tandem und schieben es mitten durch das Gewühl. In Finnland haben wir das mal mit unserem Bobyak-Anhänger gemacht. Das war dann doch etwas zu viel des Guten.
Obst und Gemüse sind schon in großen Mengen vorportioniert. Ich traue mich nicht recht, nach drei Pfirsichen zu fragen. Nicht dass ich hinterher glücklicher Besitzer von drei Paletten bin und den restlichen Tag als Wiederverkäufer verbringen muss. Immer wieder sehen wir Wagen mit Grillhähnchen und appetitlich aussehenden Haxen, aber am Anfang einer Tagesetappe liegt so etwas doch eher schwer im Magen. Auf der D24 geht es eben und ruhig weiter nach Lunel. Der Himmel hat sich schon recht dunkelgrau eingefärbt. Wir nähern uns dem Stadtzentrum, als die ersten Tropfen fallen. In unseren Gefilden hat man dann noch bequem Zeit, das nächste Café zu suchen, ganz anders am Mittelmeer. Dicke Tropfen prasseln auf die Straße. Wir haben gerade noch Zeit, unter einem Baum an einer Gartenmauer abzubremsen, da öffnet der Himmel schon seine Schleusen. Bis wir uns richtig umgezogen haben, lässt der Regen schon wieder nach. Alle Cafés und Bars sind jetzt natürlich besetzt. Am Rande der Altstadt werden wir dann fündig. Die Innenräume sehen nicht so vertrauenserweckend aus, aber draußen unter der Markise kann man schön sitzen. Es beginnt wieder zu regnen und der Patron möchte wohl gerne seine Markise einholen. Leider verstehe ich nicht so gut Französisch.
Über Nebenstraßen, fahren wir zu Perrier, der berühmten Mineralquelle von Frankreich. Als wir unser Tandem abstellen, hat es leicht zu regnen begonnen. Aber wir wollen jetzt eh eine Werksbesichtigung machen. Frankreich ist das Land der Einwegflaschen. Pfandsysteme funktionieren beim Verkauf an Endverbraucher sowieso nicht, ist sich der Führer durch die Werksanlagen sicher. Die Flaschen werden vor Ort hergestellt und vor dem Füllen mit Perrier gespült! Die Quelle schüttet sehr viel mehr, als am Markt abgesetzt werden kann und dadurch spart man sich zusätzliche Reinigungsschritte. Ich finde es faszinierend wie die Flaschen auf Förderbänder durch den ganzen Abfüllprozess durchgeschleust werden. Immer wieder gibt es Auffangflächen und Drängelgitter, um den Produktionsprozess harmonisch zu kanalisieren. Hier könnte ich stundenlang zuschauen. Ich bewundere die Produktionstechniker, die solch komplizierten Arbeitsabläufe umsetzen können.
Nach der Führung gibt es sogar kostenlos eine (!) kleine Flasche Perrier zum Probieren. Hier scheinen nicht allzu viele durstige Radfahrer vorbeizukommen. In der Zwischenzeit hat es sich so richtig schön eingeregnet. Wir drücken uns noch eine Weile im Andenkenladen herum, müssen dann aber doch der Realität ins Auge sehen, dass zwischen uns und Nîmes noch zwanzig Kilometer Wegstrecke liegen. Also rein in Regenhose, Regenjacke und die wasserdichten Socken angezogen. Da man bei starkem Regen die Karte eh nicht mehr erkennt, versuche ich mir die Streckenführung genau einzuprägen, damit wir uns zu allem Überfluss nicht auch noch verfahren. Wir folgen der D135 und wollen dann auf der D13 direkt ins Stadtzentrum fahren. Dort würde uns bestimmt ein Hotel über den Weg laufen.
Wenn man erst mal nass ist, merkt man dass die eigene Haut eigentlich ziemlich wasserdicht ist. Ich versuche, ein möglichst gleichmäßiges Tempo anzuschlagen, damit wir nicht gar zu sehr ins Schwitzen kommen. Als wir in der Innenstadt ankommen hört der Regen auch auf. Während unseres ganzen Frankreich-Urlaubs ist uns die Trockenheit an Hand von verdorrten Wiesen, ausgetrockneten Bächen und kleinen Flüssen aufgefallen. Aber wie üblich hätte es ruhig dann regnen können, wenn wir die Gegend verlassen haben.
Wir stehen vor einem internationalen Drei-Sterne Hotel. Irgendwie habe ich keine große Lust mehr, nach einem typisch fränzösichen Haus mit viel Flair zu suchen. An der Rezeption spricht man Englisch - vielmehr ich spreche Englisch und bekommen ein Zimmer, und das Tandem kann in der Hotelgarage parken. Jetzt eine lange, ausgiebige heiße Dusche und die Welt sieht schon wieder ganz anders aus.
Unsere Radschuhe sind nass und so beschließe ich, an der Rezeption nach altem Zeitungspapier zum Ausstopfen der Schuhe zu fragen ... na ja, mit so einem Wunsch konnte hinter der Rezeption niemand etwas anfangen. Kein Problem, einige hundert Meter weiter liegt ja der Bahnhof. Eine deutsche Zeitung zu lesen, hätte ja auch was. Im Geiste erstellte ich mir schon eine Rangliste, nach welche Kriterien ich die Zeitung auswählen würde (Die Zeit, Süddeutsche zeitung, FAZ, ..., Die Welt, ... nein, nein, rechtzeitig vor den Boulevard-Blättern hätte ich dann schon aufgehört). Nîmes hat einen großen Bahnhof mit TGV-Verbindung und hat auch eine Bahnhofsbuchhandlung, aber keine einzige deutschsprachige Zeitung. Das hat die Einkaufsstrategie radikal geändert. Zum ersten Mal betrachtete ich den Quotienten Seitenanzahl zu Preis, um eine Kaufentscheidung zu treffen!